Geschichte

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts begann eine der größten Veränderungen, die Deutschland jemals erlebte: die ländliche Armut und die Industrialisierung, in deren Folge vielen Kindern das Elternhaus entzogen wurde. So regten sich Ende der 30er Jahre des 19. Jh. auch in Tübingen Stimmen, die die Gründung einer Rettungsanstalt für Kinder ohne Erziehung und Elternhaus forderten. Einige Heime waren im Land bereits gegründet worden; die Region des oberen Neckartals besaß noch keine Einrichtung dieser Art.
1839 wurde der Verein zur Gründung einer Rettungsanstalt ins Leben gerufen. Man beschloss, das Heim in Lustnau zu gründen, weil dort Gebäude des ehemaligen Klosterhofs übernommen werden konnten. Am 24.08.1840 wurde das neue Heim feierlich eröffnet und erhielt den Namen „Tübingen-Lustnauer Rettungsanstalt“.

1841 trat der Verein an die mit dem Thronfolger der Niederlande verheiratete württembergische Prinzessin Sophie mit der Bitte heran, „die Anstalt unter den besonderen Schutz der Prinzessin Sophie von Oranien zu stellen, die als hohe Wohltäterin sich erwiesen hat“. Bald kam die positive Antwort aus Holland, und das neue Heim hieß von da an „Sophienpflege“.

In einem Bericht aus den ersten Jahren heißt es, „dass wir bei der Aufnahme auf diejenigen sehen müssen, welche am schwersten zu erziehen sind: Der Grad ihrer Untüchtigkeit ist der Grad ihrer Würdigkeit für die Aufnahme“.
Um die Aufgaben des Heims zeitgemäß zu erfüllen, wurde in den sechziger Jahren des letzten Jh. eine neue Heimanlage bei Tübingen-Pfrondorf geplant, die 1969 bezogen wurde. Dieser Umzug sollte das bedeutendste Ereignis in der neueren Geschichte der Sophienpflege werden. Die damit verbundenen Hoffnungen und Vorstellungen erfüllten sich jedoch nicht. So wurde nur drei Jahre später damit begonnen, die Sophienpflege in eine dezentrale Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe umzugestalten. Ab 1972 entstanden familienähnliche Außenwohngruppen in angemieteten oder käuflich erworbenen Häusern in den umliegenden Städten und Gemeinden. In den achtziger Jahren kam als Wohnform für Jugendliche das Angebot des Betreuten Jugendwohnens hinzu.

Mit der 1977 begonnenen Arbeit in Tagesgruppen und der 1978 aufgenommenen Sozialpädagogischen Familienhilfe entwickelten sich zusätzliche Angebote im Vorfeld stationärer Heimerziehung. Eine Weiterentwicklung stellten die Außentagesgruppen und die gemeinwesenorientierte Jugendhilfe im „Volksbänkle“ Kirchentellinsfurt ab 1985 dar.

1974 wurde die Evangelische Fachschule mit der Fachrichtung Jugend- und Heimerziehung eingerichtet und 1982 das Seminar für Heilpädagogik. Ein Jahr später erfolgte die Gründung der Fortbildungs- und Tagungsstätte.
Die Sophienpflege hat sich von einem zentralen Heim zu einer dezentralen Jugendhilfeeinrichtung als Verbundsystem vollstationärer, teilstationärer und ambulanter Jugendhilfeangebote entwickelt und die Aus- und Fortbildung sozialpädagogischer Fachkräfte in ihr Aufgabenfeld einbezogen. Aktuell befinden sich auf dem Pfrondorfer Gelände die Schule für Erziehungshilfe (Rudolf-Leski-Schule) und zwei Tagesgruppen, die Zentralen Dienste und der Pädagogisch-Psychologische Dienst, die Fachschule für Sozialwesen sowie die Tagungsstätte.

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